Extremwetter, steigende Schadenaufwendungen und wachsende Beratungspflichten: Im Interview erläutert Vorstandsmitglied Ralph Eisenhauer, warum Prävention in der Wohngebäudeversicherung künftig eine Schlüsselrolle spielt, welche Verantwortung Maklerinnen und Makler dabei tragen – und weshalb Transparenz beim Elementarschutz wichtiger ist denn je.
Sind die Kunden in Wohngebäude aus Ihrer Warte angemessen versichert?
Viele nicht. Im Bereich der Wohngebäude verfügen rund 40 Prozent der Wohngebäude in Deutschland über keine erweiterte Elementarschadenversicherung. Lediglich in Baden-Württemberg wird mit etwa 94 Prozent eine nahezu flächendeckende Absicherungsquote erreicht. Bei uns als SV haben übrigens bereits rund 75 Prozent der Wohngebäudekunden eine erweiterte Elementarschadenversicherung und sind damit gut abgesichert. Dennoch sind auch 25 Prozent Nicht-Elementar-Versicherte ein zu hoher Wert. Diese Lücken gilt es dringend zu schließen, um die zunehmenden Risiken durch extreme Wetterereignisse aus Kundensicht angemessen abzusichern.
Wie verändert der Klimawandel die Risikosituation in der Wohngebäudeversicherung – und was bedeutet das für Makler?
Die klimatischen Veränderungen spüren wir bereits jetzt deutlich. So ist der Elementarschadenaufwand der SV in den Jahren 2020-2024 gegenüber der entsprechenden Vorperiode um rund 85 Prozent gestiegen. Es ist davon auszugehen, dass sich der Trend fortsetzt und Prävention zunehmend an Bedeutung für einen nachhaltigen und verlässlichen Versicherungsschutz gewinnen wird. Makler und Risikoträger müssen die Kunden auf diesem Weg begleiten und entsprechend beraten.
Warum ist Prävention der Schlüssel, um bezahlbaren Versicherungsschutz langfristig zu sichern?
Es gibt zwei Gründe: Der Klimawandel und versicherungs-betriebswirtschaftliche Notwendigkeit. Der Klimawandel führt zu einer größeren Anzahl von Extremwetterereignissen, die größere Schadenpotenziale haben. Die Schadenaufwendungen müssen mit risikogerechten Prämien finanziert werden. Wohngebäude, die wir heute erbauen, werden die Auswirkungen des Klimawandels in den kommenden Jahren voll miterleben. Deshalb werden schadenverhütende Maßnahmen in der Wohngebäudeversicherung in Bezug auf die Prämienkalkulation an Bedeutung gewinnen. Das Argument speist sich auch aus der versicherungs-betriebswirtschaftlichen Notwendigkeit. In der Verbundenen Wohngebäudeversicherung liegt die marktweite Combined Ratio in 15 der letzten 20 Jahre bei über 100 Prozent. Es gibt praktisch keine "Luft" die höheren Schadenpotenziale des Klimawandels zu decken.
Welche baulichen und technischen Maßnahmen helfen, Schäden nachhaltig zu vermeiden?
Typische Schutzmaßnahmen im Rahmen der Überflutung folgen dem AWA-Prinzip: Ausweichen, Widerstehen und Anpassen. "Ausweichen" bedeutet die Überflutungsgefahr meiden und nicht im Überflutungsgebiet bauen. Der GDV hat ermittelt, dass immer noch rund 1.000 Gebäude jedes Jahr im Überflutungsgebiet gebaut werden. Eigentlich ein Unding. "Widerstehen" heißt beispielsweise, dass man sich mit Dammbalkensystemen vor einem Hochwasser schützt. Unter dem Begriff "Anpassen" versteht man, dass die Nutzung bzw. bauliche Gegebenheiten eines Gebäudes so gestaltet werden, dass im Überflutungsfall nur geringe Schäden auftreten. Also z. B. die Heizungsanlage nicht im Keller, sondern unter dem Dach installiert ist. In der Realität trifft man häufig auf eine Kombination der drei Schadenverhütungsstrategien.
Welche digitalen Tools und Services (z. B. „SV Haus & Wetter“-App) unterstützen Kundinnen und Kunden bei der Schadenprävention und wie wichtig sind diese für die Beratung?
Als digitales Tool stellen wir unseren Kunden seit vielen Jahren die "SV Haus & Wetter"-App zur Verfügung. Neben aktuellen Wetterinformationen zum Standort für die Freizeitplanung, erhalten Nutzer auch Wetterwarnungen. Aktuell überarbeiten wir die "SV Haus & Wetter"-App, um unseren Kunden, z. B. über die "Are you ok"-Funktion, die Sicherheit in unseren Versicherungen erlebbar zu machen. Im Bereich der Beratung unterstützen wir unsere Kunden beispielsweise in den kritischen Gefahrenzonen des ZÜRS-Systems mit dem Hochwasserpass, den wir mit unserer Tochtergesellschaft CombiRisk zu Sonderkonditionen anbieten können. Der Hochwasserpass zeigt, wie stark das Gebäude durch Überflutungen, Starkregen oder Kanalrückstau gefährdet ist. Unsere Sachkundigen empfehlen in dem Prozess auch Maßnahmen zur Schadenminderung und Eigenvorsorge.
Pflicht oder Opt-Out? Welche Absicherungsmodelle stärken das Bewusstsein für Elementarrisiken wirklich?
Das Bewusstsein für Elementarrisiken ist nicht flächendeckend gegeben. Häufig hört man, dass eine Gefährdung nicht gegeben sei, da man nicht an einem der großen Flüsse wohnt. Das aber beispielsweise Schäden durch Starkregen nahezu jeden treffen können, das wird häufig nicht gesehen. Es geht also in erster Linie um Transparenz und Aufklärung. Dies lässt sich in der Breite leider kaum realisieren, also können alternative Wege zur Erhöhung der Versicherungsdichte durchaus Sinn machen. In diesem Zusammenhang werden als Alternativen immer wieder eine Pflichtversicherung in Reinform oder eine Angebotspflicht mit Opt-Out-Möglichkeit genannt. Die letztere Möglichkeit ist nach unserer Überzeugung der klügere Weg, da rechtssicherer und vor allem mit weniger Aufwand bzw. Bürokratie verbunden.
Welche politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen braucht es, damit Prävention, Versicherungsschutz und Wirtschaftlichkeit im Gleichgewicht bleiben?
Eine sehr berechtigte Frage – denn zur Abbildung der verschiedenen Aspekte des Elementarschutzes braucht es ein ganzheitliches Konzept. Ein solches wurde unter Federführung des GDVs bereits 2021 erarbeitet. Es beinhaltet im Kern die drei Elemente: Prävention, Erhöhung der Versicherungsdichte (mit Opt-Out-Option) sowie ein staatlicher Stop-Loss jenseits des heutigen 200-Jahresschadens. Teile dieses Konzeptes finden sich übrigens im aktuellen Koalitionsvertrag wieder. Das macht Hoffnung und zeigt, dass die Thematik auch der Politik am Herzen liegt.